
WETTERAUER ARCHITEKTUR
Das denkmalgeschütze Fachwerkhaus befindet sich an einer der prägnantesten Stellen des historischen Ortskerns von Winningen: Am Winninger Marktplatz bildet es die Verbindung zweier Straßen. Das teilweise massiv errichtete Fachwerkhaus mit Walmdach ist mit der Jahreszahl 1750 bezeichnet und zählt zu den ortsbildprägenden Gebäuden des Weinortes an der Mosel.

Über viele Jahrzehnte hinweg wird das Gebäude als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Im Jahr 2024 veränderte ein Brand die Ausgangslage jedoch grundlegend. Nicht nur das Feuer selbst, sondern auch die erheblichen Löschwasserschäden greifen tief in die historische Konstruktion ein. Tragwerk, Dach, Innenräume und technische Ausstattung sind in unterschiedlichen Bereichen betroffen.
Die Planung umfasst deshalb mehrere Aufgaben: Brandschadensanierung, denkmalgerechte Instandsetzung, energetische Sanierung und Weiterentwicklung der Nutzung.
Das historische Gebäude stellt damit umfangreiche Aufgaben an seine Weiterentwicklung:
Nach einem Brand in einem historischen Fachwerkhaus lässt sich der Umfang der notwendigen Maßnahmen nicht allein anhand der sichtbaren Schäden beurteilen. Die historische Holzkonstruktion muss daher sorgfältig untersucht werden. Dabei wird entschieden, welche Bereiche erhalten und instand gesetzt werden können und wo ein Austausch aus statischen Gründen unvermeidbar ist.
Beim Fachwerkhaus in Winningen liegt ein Schwerpunkt auf der Sicherung des Tragwerks. Geschädigte Hölzer werden auf Grundlage der statischen Planung repariert. Nur dort, wo die vorhandene Substanz nicht mehr erhalten werden kann, werden Bauteile konstruktiv ersetzt.
Die Schäden im Inneren des Gebäudes entstehen nicht nur durch den Brand. Auch das zur Brandbekämpfung eingesetzte Löschwasser führt in zahlreichen Bereichen zu zusätzlichen Feuchtebelastungen. Deshalb müssen Materialien, Konstruktionen und Oberflächen differenziert untersucht und bewertet werden. Geschädigte Bereiche werden instand gesetzt, während erhaltenswerte historische Bauteile möglichst erhalten bleiben.
Parallel dazu wird die technische Gebäudeausstattung erneuert und an die zukünftige Nutzung angepasst. Somit wird die Wiederherstellung des Innenraums Teil einer umfassenden Sanierung, die Konstruktion, Nutzung und Gebäudetechnik zusammenführt.
Die Sanierung beschränkt sich nicht nur auf die Wiederherstellung des Zustands vor dem Brand. Gleichzeitig wird untersucht, wie sich das Gebäude langfristig weiter nutzen und fit für die Zukunft machen lässt. Die ungewöhnlichen Grundrisse und die über die Jahre gewachsene Gebäudestruktur stellen dabei besondere Anforderungen an die Planung. Bestehende Räume und Erschließungen werden neu geordnet und dort angepasst, wo sie für die zukünftige Nutzung nicht mehr geeignet sind.
Bestand und Denkmalschutz geben dabei die Rahmenbedingungen der Balance zwischen Weiterentwicklung und Erhalt vor. Auf dieser Grundlage entwickelt die Planung Lösungen, die den historischen Charakter des Gebäudes bewahren und betonen, zugleich aber eine zeitgemäße Nutzung ermöglichen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist die geänderte Nutzung des Erdgeschosses.Die bisher gewerblich genutzten Flächen sollen zukünftig Teil der Wohnnutzung werden. Dadurch verändern sich die Anforderungen an den Grundriss, die Erschließung, die Belichtung, die technische Ausstattung und die Genehmigungsplanung.Bei einem denkmalgeschützten Gebäude müssen diese Veränderungen besonders sorgfältig in die vorhandene Struktur integriert werden.
Die Planung untersucht deshalb nicht nur, wie neuer Wohnraum entstehen kann, sondern auch, welche historischen Bauteile erhalten bleiben und welche Eingriffe für die neue Nutzung tatsächlich erforderlich sind. So wird die Umwandlung von Gewerbe- in Wohnräume Teil einer übergeordneten Sanierungsstrategie für das gesamte Gebäude.
Auch die historische Dachkonstruktion wurde durch den Brand beschädigt. Die betroffenen Bereiche werden instand gesetzt und die Dachfläche anschließend mit Naturschiefer in traditioneller Rechteck-Doppeldeckung neu eingedeckt. Bei der Ausführung wird sich am historischen Erscheinungsbild sowie an der ortstypischen Dachlandschaft in Winningen orientiert.
Parallel dazu wird die Konstruktion energetisch ertüchtigt. Eine diffusionsoffene Dämmung verbessert den Wärmeschutz und wird auf die bauphysikalischen Anforderungen des Fachwerks abgestimmt. Dabei ist das Zusammenspiel von Feuchteschutz, historischer Konstruktion und dauerhafter Erhaltung der Substanz entscheidend.

Die Fenster prägen das Erscheinungsbild des Fachwerkhauses wesentlich. Im Zuge der Sanierung werden neue Holzfenster als individuell gefertigte Stilfenster entwickelt, deren Proportionen und Details sich am historischen Vorbild orientieren.
So entsteht eine Lösung, die den Charakter der Fassade erhält und gleichzeitig heutige Anforderungen an den Wärmeschutz und die Nutzung berücksichtigt.

Historische Gebäude folgen selten den räumlichen Logiken heutiger Neubauten. Auch das Fachwerkhaus in Winningen verfügt über eine im Laufe der Zeit gewachsene Grundrissstruktur. Unterschiedliche Raumgrößen, Wandstellungen und Erschließungswege gehören zu seinem Charakter und bestimmen die Möglichkeiten des Umbaus.Die Grundrissplanung versucht deshalb nicht, dem Bestand eine vollständig neue Ordnung aufzuzwingen. Stattdessen wird geprüft, welche vorhandenen Strukturen weitergenutzt werden können und wo gezielte Veränderungen notwendig sind. Gerade diese Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Grundrissen ist entscheidend dafür, ob aus einem schwierigen Bestand wieder ein dauerhaft nutzbares Gebäude entstehen kann.
Bei diesem Projekt greifen viele Themen ineinander, die alle im Verbund betrachtet werden:

Das Fachwerkhaus am Winninger Marktplatz ist mehr als nur ein beschädigtes Bestandsgebäude. Aufgrund seiner Lage, seiner historischen Konstruktion und seiner Bedeutung für das Ortsbild stellt es besondere Anforderungen, verfügt aber auch über besondere Qualitäten.
Die Planung verfolgt das Ziel, die vorhandene Substanz bestmöglich zu erhalten, die Brandschäden fachgerecht zu beheben und gleichzeitig die Voraussetzungen für eine langfristige Nutzung zu schaffen. So wird aus der Wiederherstellung nach einem Brand ein umfassendes Projekt des Weiterbauens im Denkmal.